Hatte die Tatsache, dass Sie
sich aus Großbritannien
beworben haben - aus ihrer
Sicht - Einfluss auf ihre
Berufung?
Die
Berufungskommission war so
eine Mischung aus
beeindruckt und verschreckt:
Kommen Sie wirklich? Oder
bleiben Sie auf der Insel?
Es wirkte ganz anders, als
wenn sich jemand vorstellt,
der immer nur ein System
gesehen hat. Und es war sehr
hilfreich bei den
Berufungsverhandlungen.
Sicher ist es auch ein
Risiko für die Kommission,
weil sie die Lage außer
Landes schlechter
einschätzen kann als im
eigenen. Zugleich ist es
aber eine Chance für die
Fakultät und die Uni, eine
international angesehene
Wissenschaftlerin zu
berufen. Und
Internationalität als
Berufungskriterium ist enorm
wichtig.
Was haben Sie in GB am
Hochschulsystem - im
Vergleich zu D - besonders
geschätzt?
1. Die flachen Hierarchien
(die aber auch nicht immer
flach sind!), 2. Die
produktive Umgebung Londons
und Oxbridges - man findet
für alles einen
Spezialisten, trifft auf die
merkwürdigsten
Diskussionszirkel, 3. Die
Flexibilität der
Institutionen - man kann
etwa in der eigenen Uni
aufsteigen, 4. Den Umstand,
dass man frühzeitig Tenure
bekommt.
Welche Gründe waren
für Sie ausschlaggebend nach
D zurückzukehren?
1. Private: Mein (jetziger)
Mann arbeitet in Frankfurt,
was von Stuttgart gut zu
erreichen ist. 2.
Strukturelle: Ich sah, dass
in England, speziell in den
Londoner Unis, Geld immer
wichtiger wurde - m.E. ein
bisschen zu wichtig. Die
Unis sind in England eine
wichtige Industrie, während
deutsche Unis noch etwas vor
sich hinträumen - was gut
und schlecht zugleich ist.
3. Fachliche: Stuttgart und
sein Umfeld sind sehr
produktiv.
Wie
kann man in Deutschland
wieder Netzwerke knüpfen,
wenn man lange Zeit im
Ausland gewesen ist?
Es gibt
das TransCoop-Programm der
Humboldt-Stiftung, das
ausdrücklich auf Netzwerken
USA-D abstellt. Ansonsten:
Den Leuten schreiben, die
Sie gut finden. Ich würde
das recht offen angehen.
2. Besoldung
und Berufungsverhandlung
War das Angebot aus
Deutschland finanziell
interessant?
Die W-Besoldung hat sich für
mich absurderweise
ausgezahlt. Kurzum: Ja, das
Angebot war (inklusive
Beamtenpension und
Beihilfe-System) so
attraktiv, dass englische
und amerikanische Unis jetzt
einiges bieten müssten...
Sonst heißt es doch immer
die W-Besoldung könnte mit
der Besoldung im Ausland
nicht mithalten. Gab es
Leistungszulagen?
Die W2-Besoldung ist
indiskutabel. Die
W3-Besoldung kann mithalten,
wenn die Zulagen hoch sind.
M.a.W.: Ja, es gab reichlich
Zulagen (Funktionszulage für
Abteilungsleitung und
Leistungszulagen). Auch ist
W3 in Baden-Württemberg
höher als in anderen
Bundesländern.
Können Sie etwas zum
Verhandlungsspielraum im
Rahmen Ihrer
Berufungsverhandlung sagen?
Welche personellen
Ressourcen stehen Ihnen
jetzt in Stuttgart zur
Verfügung?
Der
Verhandlungsspielraum war im
Jahr 2007 groß. Aktuell sähe
es wegen der knappen
Finanzlage vermutlich anders
aus. Zu meiner Abteilung
gehören 2 volle Assistenzen/
Juniorprofessuren (die ich
nach Wahl ausschreiben
kann), eine halbe
Sekretariatsstelle sowie
Hiwi-Mittel. Wobei ich etwas
anderes anmerken muss: Die
Ausstattung ist Last und
Freude zugleich. Ich
verwalte 40% meiner Zeit,
lehre 40% und forsche 20%.
Das ist m.E. keine besonders
gesunde Verteilung. Das
englische System mit den
wechselnden Heads of
Department finde ich besser
- für die Wissenschaft.
Zurzeit gibt es wieder
verstärkt eine Diskussion um
die Attraktivität
ostdeutscher Universitäten.
Was denken Sie darüber?
Haben Sie Erfahrungen damit,
dass ostdeutsche Uni nicht
konkurrenzfähig sind?
Die
Universitäten in
Ostdeutschland leben aktuell
noch aus einem Sonderfond,
der bald ausläuft. Da stellt
tatsächlich ein Problem dar.
Da ich ein Angebot einer
ostdeutschen Uni (eben Jena)
hatte: ja, zumindest
finanziell tat man sich sehr
schwer den Schwaben etwas
entgegenzusetzen. Aber
personell und strukturell
stehen einige gut da, u.a.
Jena. Die ostdeutschen Unis
müssten gründlicher als
andere überlegen, wofür sie
stehen wollen - und zeigen,
dass ihr Umfeld (auch
jenseits von Berlin)
attraktiv ist. Rostock z.B.
ist eine wunderschöne Stadt
mit guter Bibliothek.
Haben Sie noch Tipps für die
Berufungsverhandlung?
1.
Gutes Konzeptpapier
schreiben, das sachlich
überzeugt (max. 6 Seiten).
2. Mit dem Dekan
verständigen, wo die Grenzen
und Verhandlungsspielräume
liegen, 3. Sich selbst klar
werden, unter welchen
Bedingungen man etwas tut
oder nicht.
3. Zur
Zukunft der
Geisteswissenschaften
Wie
sehen Sie die Zukunft der
Geisteswissenschaften in D?
Werden die sog. "kleinen
Fächer" im Ausland,
beispielsweise in GB anders
wahrgenommen?
Die
Geisteswissenschaften sind
'global' unter Beschuss. In
GB werden zurzeit ca. 20%
gekürzt. Bei uns wird man
sehen, dass die Exellenzuni
auch negative Folgen hat:
Umverteilungsmaßnahmen
nämlich. Die
Geisteswissenschaften stehen
dabei nicht gut da, weil sie
weniger finanzielle Mittel
eingeworben haben als
andere.
Personell finde ich die
Geisteswissenschaften in D
aber gut. Viele jüngere,
auslandserfahrene Kollegen
sind zurückgekehrt (auch
Dank der GSO!). Einige
ältere tun sich allerdings
schwer, vom Denken in
Lehrstühlen und Seilschaften
Abschied zu nehmen. Sachlich
tut sich eine Menge. Da
müssen wir uns nicht
verstecken.
Sind
Geisteswissenschaftlerinnen
und Geisteswissenschaftler
eher die Ausnahme bei der
Rückgewinnung?
Nein.
Bei uns gelten die gleichen
Kriterien wie für
Naturwissenschaftler etc.
Das zählt u.a. zu den guten
Seiten der
Exzellenzinitiative:
Plötzlich müssen sich die
deutschen Unis nach
international arbeitenden
Leuten umsehen. Sie tun es
nicht immer, aber der Druck
wächst, weil es eben zu den
Kriterien der Exzellenz
gehört.