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Rückkehr an die deutsche Hochschule: Geisteswissenschaften

Frau Prof. Sandra Richter, Literaturwissenschaftlerin an der Universität Stuttgart, beantwortete im Chat Eure Fragen zu den Themen Berufungsverhandlungen, Besoldung, Stellenwert der Geisteswissenschaften und Vorzüge des britischen bzw. deutschen Hochschulsystems.

1. Bewerben aus dem Ausland
2. Besoldung und Berufungsverhandlung
3. Zur Zukunft der Geisteswissenschaften


1.
Bewerben aus dem Ausland

Hatte die Tatsache, dass Sie sich aus Großbritannien beworben haben - aus ihrer Sicht - Einfluss auf ihre Berufung?

Die Berufungskommission war so eine Mischung aus beeindruckt und verschreckt: Kommen Sie wirklich? Oder bleiben Sie auf der Insel? Es wirkte ganz anders, als wenn sich jemand vorstellt, der immer nur ein System gesehen hat. Und es war sehr hilfreich bei den Berufungsverhandlungen.
Sicher ist es auch ein Risiko für die Kommission, weil sie die Lage außer Landes schlechter einschätzen kann als im eigenen. Zugleich ist es aber eine Chance für die Fakultät und die Uni, eine international angesehene Wissenschaftlerin zu berufen. Und Internationalität als Berufungskriterium ist enorm wichtig.

Was haben Sie in GB am Hochschulsystem - im Vergleich zu D - besonders geschätzt?

1. Die flachen Hierarchien (die aber auch nicht immer flach sind!), 2. Die produktive Umgebung Londons und Oxbridges - man findet für alles einen Spezialisten, trifft auf die merkwürdigsten Diskussionszirkel, 3. Die Flexibilität der Institutionen - man kann etwa in der eigenen Uni aufsteigen, 4. Den Umstand, dass man frühzeitig Tenure bekommt.

Welche Gründe waren für Sie ausschlaggebend nach D zurückzukehren?

1. Private: Mein (jetziger) Mann arbeitet in Frankfurt, was von Stuttgart gut zu erreichen ist. 2. Strukturelle: Ich sah, dass in England, speziell in den Londoner Unis, Geld immer wichtiger wurde - m.E. ein bisschen zu wichtig. Die Unis sind in England eine wichtige Industrie, während deutsche Unis noch etwas vor sich hinträumen - was gut und schlecht zugleich ist. 3. Fachliche: Stuttgart und sein Umfeld sind sehr produktiv.

Wie kann man in Deutschland wieder Netzwerke knüpfen, wenn man lange Zeit im Ausland gewesen ist?

Es gibt das TransCoop-Programm der Humboldt-Stiftung, das ausdrücklich auf Netzwerken USA-D abstellt. Ansonsten: Den Leuten schreiben, die Sie gut finden. Ich würde das recht offen angehen.


2. Besoldung und Berufungsverhandlung

War das Angebot aus Deutschland finanziell interessant?

Die W-Besoldung hat sich für mich absurderweise ausgezahlt. Kurzum: Ja, das Angebot war (inklusive Beamtenpension und Beihilfe-System) so attraktiv, dass englische und amerikanische Unis jetzt einiges bieten müssten...

Sonst heißt es doch immer die W-Besoldung könnte mit der Besoldung im Ausland nicht mithalten. Gab es Leistungszulagen?

Die W2-Besoldung ist indiskutabel. Die W3-Besoldung kann mithalten, wenn die Zulagen hoch sind. M.a.W.: Ja, es gab reichlich Zulagen (Funktionszulage für Abteilungsleitung und Leistungszulagen). Auch ist W3 in Baden-Württemberg  höher als in anderen Bundesländern.

Können Sie etwas zum Verhandlungsspielraum im Rahmen Ihrer Berufungsverhandlung sagen? Welche personellen Ressourcen stehen Ihnen jetzt in Stuttgart zur Verfügung?

Der Verhandlungsspielraum war im Jahr 2007 groß. Aktuell sähe es wegen der knappen Finanzlage vermutlich anders aus. Zu meiner Abteilung gehören 2 volle Assistenzen/ Juniorprofessuren (die ich nach Wahl ausschreiben kann), eine halbe Sekretariatsstelle sowie Hiwi-Mittel. Wobei ich etwas anderes anmerken muss: Die Ausstattung ist Last und Freude zugleich. Ich verwalte 40% meiner Zeit, lehre 40% und forsche 20%. Das ist m.E. keine besonders gesunde Verteilung. Das englische System mit den wechselnden Heads of Department finde ich besser - für die Wissenschaft.

Zurzeit gibt es wieder verstärkt eine Diskussion um die Attraktivität ostdeutscher Universitäten. Was denken Sie darüber? Haben Sie Erfahrungen damit, dass ostdeutsche Uni nicht konkurrenzfähig sind?

Die Universitäten in Ostdeutschland leben aktuell noch aus einem Sonderfond, der bald ausläuft. Da stellt tatsächlich ein Problem dar. Da ich ein Angebot einer ostdeutschen Uni (eben Jena) hatte: ja, zumindest finanziell tat man sich sehr schwer den Schwaben etwas entgegenzusetzen. Aber personell und strukturell stehen einige gut da, u.a. Jena. Die ostdeutschen Unis müssten gründlicher als andere überlegen, wofür sie stehen wollen - und zeigen, dass ihr Umfeld (auch jenseits von Berlin) attraktiv ist. Rostock z.B. ist eine wunderschöne Stadt mit guter Bibliothek.

Haben Sie noch Tipps für die Berufungsverhandlung?

1. Gutes Konzeptpapier schreiben, das sachlich überzeugt (max. 6 Seiten). 2. Mit dem Dekan verständigen, wo die Grenzen und Verhandlungsspielräume liegen, 3. Sich selbst klar werden, unter welchen Bedingungen man etwas tut oder nicht.


3. Zur Zukunft der Geisteswissenschaften

Wie sehen Sie die Zukunft der Geisteswissenschaften in D? Werden die sog. "kleinen Fächer" im Ausland, beispielsweise in GB anders wahrgenommen?

Die Geisteswissenschaften sind 'global' unter Beschuss. In GB werden zurzeit ca. 20% gekürzt. Bei uns wird man sehen, dass die Exellenzuni auch negative Folgen hat: Umverteilungsmaßnahmen nämlich. Die Geisteswissenschaften stehen dabei nicht gut da, weil sie weniger finanzielle Mittel eingeworben haben als andere.
Personell finde ich die Geisteswissenschaften in D aber gut. Viele jüngere, auslandserfahrene Kollegen sind zurückgekehrt (auch Dank  der GSO!). Einige ältere tun sich allerdings schwer, vom Denken in Lehrstühlen und Seilschaften Abschied zu nehmen. Sachlich tut sich eine Menge. Da müssen wir uns nicht verstecken.

Sind Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler eher die Ausnahme bei der Rückgewinnung?

Nein. Bei uns gelten die gleichen Kriterien wie für Naturwissenschaftler etc. Das zählt u.a. zu den guten Seiten der Exzellenzinitiative: Plötzlich müssen sich die deutschen Unis nach international arbeitenden Leuten umsehen. Sie tun es nicht immer, aber der Druck wächst, weil es eben zu den Kriterien der Exzellenz gehört.

 

   

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